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Kino

Mittwoch, 28. April 2010
(Sächsische Zeitung)

13 Sekunden

Andreas Körner

Zu dick: „Sin Nombre“ aus Mexiko ist Thriller, Sozialstudie und Road-Movie zugleich

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Fahrt mit ungewissem Ende: Sayra (Paulina Gaitan) und El Casper (Edgar Flores). Foto: Prokino

Der erste Teil der Initiation besteht aus Prügel. 13 lange Sekunden muss der zwölfjährige El Smiley durchhalten, dann ist er aufgenommen in die Clika, die Mara Salvatrucha, die mächtigste Gang in Tapachula/Mexiko. Smiley hält das durch. Er will dazugehören, er muss. Genauso wie er den zweiten Teil des Aufnahmerituals absolviert: einen Mord.

El Casper ist 18, die „Zeremonie“ liegt längst hinter ihm. Seit Jahren ist er Handlanger von Bandenchef Lil’ Mago, allerdings reicht seine Ambition nicht bis in die letzte Ader. Denn ihm kam etwas dazwischen, das äußerst wenig mit Bandenkrieg, Statussymbolen und Ehrversprechen zu tun hat: die Liebe. Dumm und gefährlich, dass sein Mädchen aus La Bombilla stammt, wo die Feinde herrschen. Dumm und gefährlich, dass er seine Jobs vernachlässigt. Tödlich, dass er auffliegt. Es setzt Schläge – 13 Sekunden lang. El Caspers Freundin überlebt nicht. Er flüchtet, trifft auf Sayra, die mit Vater und Onkel auf einem Zug Richtung Norden fährt.

Auch das ist eine Flucht. Regisseur Cary Joji Fukunaga kommt in seinem Debüt „Sin Nombre“ schnell zur Sache. Er hat die Realitäten hinter sich. Die Mara gibt es wirklich, sie gehört mit 100 000 Mitgliedern zu den bestorganisierten mittelamerikanischen Banden, schreckt vor keinem Gewaltakt zurück, rekrutiert sich aus minderjährigen Fußsoldaten und vorwiegend Männern bis 30 – stolz, zwanghaft, tätowiert. Staaten wie Mexiko oder El Salvador bekämpfen die Mara mit ihren eigenen, nicht immer legalen und selten wirklich tauglichen Mitteln. Mittlerweile gibt es Clikas sogar in Europa.

Doch „Sin Nombre“ ist kein Dokumentarfilm. Er will Thriller sein, Road-Movie, Sozialstudie und Love-Story. Damit will er eindeutig zu viel. Fukunaga arbeitet mit guten Darstellern optisch effizient und dicht, mit Gesichtern und Atmosphären, also mit Angst, Bedrohung, seltenen Momenten des Lichts. Schwächen hat vor allem das Buch, denn vieles bleibt entweder angerissen oder vorhersehbar, vor allem am Schluss einfach nicht zu Ende erzählt und im zentralen Punkt – die Liebesgeschichte zwischen El Casper und Sayra – seltsam behauptet. Die bedingt verwandten „City Of God“, „Amores Perros“ und „Maria voll der Gnade“ waren da stringenter und klarer.

Was gut funktioniert, ist das Veranschaulichen von unfassbaren, nahezu irrationalen (Über-)Lebensumständen. Das Herausreißen von Kindern aus ihren Familien, ihr Fremdsteuern ist nur die eine Sache, die andere ist die nachhaltigste Säule des Films: Die Reise Hunderter Südamerikaner auf den Dächern von Güterzügen Richtung Norden. Bei jedem Wetter, mit wenigen Habseligkeiten, in eine mehr als ungewisse Zukunft, an ein Ziel, das im vielleicht günstigsten Falle in den USA liegt, im ungünstigsten, ja, realistischen, in der Polizeistation des nächsten Halts. Oder beim Überfall einer Mara-Clika. Man wirft den illegalen Passagieren unterwegs Orangen entgegen, Kilometer weiter sind es Steine. Das sagt alles, auch als Metapher.



Programmkino Ost, Schauburg, DD


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