Bühne
Mittwoch, 25. Januar 2012
In die Gene gequetscht
Von Nadja Laske
Annamateur durchleuchtet ihre Anlagen, checkt Gefühlskonten, träumt vom Schneemannbauen mit Hape Kerkeling und stellt ihr neues Programm vor.
Friseurin wollte Anna Maria Scholz nie werden. Als Kind tat sie sich im Spiel mit ihren Brüdern eher in der Rolle „der Regisseurin der Hauptdarsteller“ hervor, während ihre Mitspieler Bäume oder Ähnliches sein mussten. Das habe sie beibehalten, sagt die Sängerin, die zusammen mit den Musikern Stefan Braun (l.) und Samuel Halscheidt im neuen Programm „Screamshots“ auftritt. Foto: PR
Im Internet
Stell dich in Hundekacke und wisse: Alles hat seinen Sinn. Damit ist Annamateur schon mittendrin in ihrem neuen Programm. Nicht allgemein fäkal, aber speziell komplex. Eine Freundin von ihr habe durch einen touchierten Hundehaufen ihre große Liebe kennengelernt, erzählt die Chansonniere. Was nicht heiße, dass jeder, der in Hunde-A-A trete, den Traummann treffe.
KOMPLEXITÄT, mit nichts Geringerem und Beschränkterem beschäftigt sich Anna auf der Bühne. So gebiert sie Sätze von schier unfassbarer Tragweite: „Nichts bleibt – nur der Wandel“ oder „Fehler machen und Scheitern sind existenziell“. Die Quelle des ersten verrät sie nicht, der zweite stammt auch nicht von ihr. Vielmehr ist er der Erguss eines „Pianisten stattlichen Alters“, dessen Musik sie einst faszinierte, mehr als das Bärenfell in seiner kleinen Schlossbuchte. So wurde auch besagter Musiker nicht ihr Mr. Big. Doch ihren Blick auf das Sein muss er schwer geprägt haben.
Sicher wurde die Anna-Vita schon ausschweifend beschrieben, mindestens im Dunstkreis jedes Kabarett- und Kleinkunstpreises, den die Dresdnerin der Jahre 2004 und 2005 verliehen bekam. Als hausmusikbelastet und überlärmgeschädigt beschreibt sie ihre Kindheit ab dem Jahr 1977. Gesangsstudium, legendär umjubeltes Diplom-Singen, zwischendurch „Gluckenpause“ mit Sohn Kaspar, Theater und Varieté. Ihre „edelschrägen“ Liederprogramme machten sie erst in Dresden, dann auch anderswo zum Geheimtipp. Ihr Publikum saß auf, zwischen und neben den Stühlen in der einstigen Neustadtkneipe Prinz, Hauptsache dabei sein, sie erleben – ihre Stimme, ihre Texte, ihre Musiker. Diesen unfassbaren Mut zur Selbstdarstellung, ganz gleich wie drängend Annas Körperfülle dem viel zu engen Tutu-Kleidchen zu entkommen suchte. Und dann erst das Glitzerkleid einer Scheuneschaubudensommernacht ...
Nun sitzen ihre Zuschauer und Zuhörer nicht mehr auf dem Kneipenboden oder auf der Grasnarbe. Sie nehmen auf Plüsch Platz, in einem gestandenen Theater. Aber vielleicht wird es sie dort auch kaum halten, wenn Annamateur am Sonnabend und Sonntag im Kleinen Haus ihr Programm „Screamshots“ vorstellt. Dann haut es sie vom Sessel – vor Lachen, vor Betroffenheit oder auch mal vor Peinlichkeit. Anna Maria Scholz, wie sie bürgerlich heißt, führt neben ihrem Künstlerleben ja auch das einer Bürgerin. Als solche verwundbar, bohrt sie in mancher Verletzung und lässt die Leute im Saal zusehen. „Es geht um Gefühle, die man zeigt oder unterdrückt. Mein Konto bei der Gefühlspolizei ist gut gefüllt“, sagt sie. Und wenn die Emotionen mit ihr durchgehen und die Wogen hochschlagen, geht sie gern mal schwimmen, Karten legen, geradeauslaufen, liest Philosophisches oder „durchgeknallten Mist“. Manchmal ist alles zwecklos. „Dafür kann ich nichts, das hat man mir in die Gene gequetscht“, sagt sie.
Damit ihr neues Programm entstehen konnte, rief sie sich zur Ordnung oder ließ lieber rufen, von einem, den sie einen wunderbaren Freund nennt und der zwei Lieder beigesteuert hat, der Ordnung und Chaos beherrscht. Außerdem sind da noch ihre Außensaiter: die Cellisten Stephan Braun oder Christoph Schenker und der Gitarrist Samuel Halscheidt. Zusammen sind sie ein eingespieltes Team mit klarer Rollenverteilung, auch in den Pausen beim Essen oder Skat spielen.
Aber so viel Leerlauf hat Anna zwischen Texten am Rechner, Probenraum und Bühne gar nicht. Da muss noch Zeit bleiben fürs Malen nach Zahlen gegen motorische Unreife, für Bruchrechnung und die äußere Befruchtung der Lurche, das normale Leben eben. Da träumt sie sich doch manchmal hinweg. Trotz kalter Füße unterm Schreibtisch würde sie gern mal mit Hape Kerkeling einen Schneemann bauen, Lasagne essen mit Andreas Dresen und palavern mit Anonymous über Gott und das System. Gern auch mit Matthias Horx. Mit Vera Birkenbihl möchte sie Kaffee trinken, „aber erst nächstes Jahr, weil die vergangenes Jahr gestorben ist“. Und dann wäre da noch Lutz Hübner, der mit seinem dauernd ausverkauften Stück „Frau Müller muss weg“ die ganzen Lehrer ins Kleine Haus gelockt hat. Dorthin, wo Anna nun ebenfalls ausverkauft Premiere feiert.
Annamateur & Außensaiter - „Screamshots“
28./29. Januar sowie 6./7. September, 20 Uhr
Kleines Haus (im September in der Schauburg)
Tickets Premieren ausverkauft, Karten für September 21,30 Euro
Hotline 0351-866600
KOMPLEXITÄT, mit nichts Geringerem und Beschränkterem beschäftigt sich Anna auf der Bühne. So gebiert sie Sätze von schier unfassbarer Tragweite: „Nichts bleibt – nur der Wandel“ oder „Fehler machen und Scheitern sind existenziell“. Die Quelle des ersten verrät sie nicht, der zweite stammt auch nicht von ihr. Vielmehr ist er der Erguss eines „Pianisten stattlichen Alters“, dessen Musik sie einst faszinierte, mehr als das Bärenfell in seiner kleinen Schlossbuchte. So wurde auch besagter Musiker nicht ihr Mr. Big. Doch ihren Blick auf das Sein muss er schwer geprägt haben.
Sicher wurde die Anna-Vita schon ausschweifend beschrieben, mindestens im Dunstkreis jedes Kabarett- und Kleinkunstpreises, den die Dresdnerin der Jahre 2004 und 2005 verliehen bekam. Als hausmusikbelastet und überlärmgeschädigt beschreibt sie ihre Kindheit ab dem Jahr 1977. Gesangsstudium, legendär umjubeltes Diplom-Singen, zwischendurch „Gluckenpause“ mit Sohn Kaspar, Theater und Varieté. Ihre „edelschrägen“ Liederprogramme machten sie erst in Dresden, dann auch anderswo zum Geheimtipp. Ihr Publikum saß auf, zwischen und neben den Stühlen in der einstigen Neustadtkneipe Prinz, Hauptsache dabei sein, sie erleben – ihre Stimme, ihre Texte, ihre Musiker. Diesen unfassbaren Mut zur Selbstdarstellung, ganz gleich wie drängend Annas Körperfülle dem viel zu engen Tutu-Kleidchen zu entkommen suchte. Und dann erst das Glitzerkleid einer Scheuneschaubudensommernacht ...
Nun sitzen ihre Zuschauer und Zuhörer nicht mehr auf dem Kneipenboden oder auf der Grasnarbe. Sie nehmen auf Plüsch Platz, in einem gestandenen Theater. Aber vielleicht wird es sie dort auch kaum halten, wenn Annamateur am Sonnabend und Sonntag im Kleinen Haus ihr Programm „Screamshots“ vorstellt. Dann haut es sie vom Sessel – vor Lachen, vor Betroffenheit oder auch mal vor Peinlichkeit. Anna Maria Scholz, wie sie bürgerlich heißt, führt neben ihrem Künstlerleben ja auch das einer Bürgerin. Als solche verwundbar, bohrt sie in mancher Verletzung und lässt die Leute im Saal zusehen. „Es geht um Gefühle, die man zeigt oder unterdrückt. Mein Konto bei der Gefühlspolizei ist gut gefüllt“, sagt sie. Und wenn die Emotionen mit ihr durchgehen und die Wogen hochschlagen, geht sie gern mal schwimmen, Karten legen, geradeauslaufen, liest Philosophisches oder „durchgeknallten Mist“. Manchmal ist alles zwecklos. „Dafür kann ich nichts, das hat man mir in die Gene gequetscht“, sagt sie.
Damit ihr neues Programm entstehen konnte, rief sie sich zur Ordnung oder ließ lieber rufen, von einem, den sie einen wunderbaren Freund nennt und der zwei Lieder beigesteuert hat, der Ordnung und Chaos beherrscht. Außerdem sind da noch ihre Außensaiter: die Cellisten Stephan Braun oder Christoph Schenker und der Gitarrist Samuel Halscheidt. Zusammen sind sie ein eingespieltes Team mit klarer Rollenverteilung, auch in den Pausen beim Essen oder Skat spielen.
Aber so viel Leerlauf hat Anna zwischen Texten am Rechner, Probenraum und Bühne gar nicht. Da muss noch Zeit bleiben fürs Malen nach Zahlen gegen motorische Unreife, für Bruchrechnung und die äußere Befruchtung der Lurche, das normale Leben eben. Da träumt sie sich doch manchmal hinweg. Trotz kalter Füße unterm Schreibtisch würde sie gern mal mit Hape Kerkeling einen Schneemann bauen, Lasagne essen mit Andreas Dresen und palavern mit Anonymous über Gott und das System. Gern auch mit Matthias Horx. Mit Vera Birkenbihl möchte sie Kaffee trinken, „aber erst nächstes Jahr, weil die vergangenes Jahr gestorben ist“. Und dann wäre da noch Lutz Hübner, der mit seinem dauernd ausverkauften Stück „Frau Müller muss weg“ die ganzen Lehrer ins Kleine Haus gelockt hat. Dorthin, wo Anna nun ebenfalls ausverkauft Premiere feiert.
Annamateur & Außensaiter - „Screamshots“
28./29. Januar sowie 6./7. September, 20 Uhr
Kleines Haus (im September in der Schauburg)
Tickets Premieren ausverkauft, Karten für September 21,30 Euro
Hotline 0351-866600








